Wie helfen Daten Unternehmen, in unsicheren Zeiten fundierte Entscheidungen zu treffen? Beim siebten TUM Talk am TUM Campus Heilbronn diskutierten Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft über strategische Datennutzung, die Chancen von KI und die Bedeutung menschlicher Urteilskraft.
„Daten als Kompass: Von wissenschaftlicher Erkenntnis zu strategischen Entscheidungen in Unternehmen“ lautete das Thema beim siebten TUM TALK am Campus Heilbronn der Technischen Universität München (TUM). TUM-Präsident Prof. Thomas F. Hofmann betonte zum Auftakt: „Um in fünf bis zehn Jahren erfolgreich zu sein, müssen wir Daten verstehen. Aber um Daten in richtige Entscheidungen zu übersetzen, braucht es Führungs- und Managementqualitäten.“ Damit war der Ton für den Abend gesetzt: So wichtig Daten sind, sie alleine ergeben noch keine Strategie. Um technologische Möglichkeiten strategisch zu nutzen, braucht es den Mut zu Entscheidungen. Die Verantwortung dafür bleibt auch im KI-Zeitalter beim Menschen.
Vorausgegangen war der Kongress RETHINK.MITTELSTAND, veranstaltet in Kooperation mit dem ZEIT-Verlag, bei dem führende Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft die Auswirkungen neuer Technologien auf die Wirtschaft von morgen diskutierten. Deep Dive Sessions boten Gelegenheit, ausgewählte Themen zu vertiefen. Im Politischen Gespräch mit dem ZEIT-Journalisten Jens Tönnesmann brachten Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, Ministerin für Wirtschaft, Handwerk und Tourismus des Landes Baden-Württemberg, und Harry Mergel, Oberbürgermeister der Stadt Heilbronn, die politische Sicht auf die aktuelle wirtschaftliche Situation ein.
Beim anschließenden TUM TALK diskutierten Prof. Marcel Fratzscher (Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW Berlin), Prof. Thomas Hutzschenreuter (Chair of Strategic & International Management, TUM), Claudia Pohlink (Chief Data Officer, FIEGE Logistik) und Markus Frank (Vorstand Digitalisierung und Logistik, JAKO AG). Moderiert wurde das Panel von Prof. Jeanne Rubner, Vizepräsidentin für Globale Kommunikation und Public Engagement an der TUM.
Daten für strategische Entscheidungen nutzen
In seiner Keynote verdeutlichte Marcel Fratzscher zunächst die drei großen parallelen Herausforderungen, vor denen die deutsche Wirtschaft steht: die Veränderung der globalen Wirtschaftsordnung, die technologische Revolution und die soziale Transformation. Die enormen Herausforderungen seien nur durch Optimismus, kreative Zerstörung, die passenden politischen Rahmenbedingungen und entschlossene Maßnahmen für die Fachkräftegewinnung zu bewältigen. Hinzu komme: „Die kluge Nutzung von Daten kann den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg bedeuten.“
Doch gerade hier stoßen viele Mittelständler an Grenzen, wie Fratzscher in der anschließenden Diskussion schilderte: Vielen fehle es an den notwendigen Kapazitäten oder am Know-how, um Daten strategisch einzusetzen. Daten seien nur ein Bestandteil der Gesamtstrategie, fügte Thomas Hutzschenreuter hinzu. Es brauche auch ein Kontrollsystem, damit Unternehmen überhaupt verstehen, was sie mit ihren Daten anfangen können. Und es sei notwendig, sich flexibel an Veränderungen anpassen zu können.
Unternehmerinnen und Unternehmer müssen also eine Strategie entwerfen und Entscheidungen treffen. Dafür lieferten die Diskussionspartner konkrete Praxisbeispiele: Bei FIEGE Logistik gebe es einen zentralen Datenspeicher, einen sogenannten Data Lake, „wo wir alles zusammenfügen können“, berichtete Pohlink und betonte: „Daten- und KI-Strategie müssen mit der Unternehmensstrategie verknüpft werden.“
Ein Beispiel, wie eine datengetriebene Strategie und flexible Entscheidungen zusammenwirken können, lieferte Pohlink auch: FIEGE untersuchte mithilfe eines digitalen Lagerzwillings, wie sich Leerfahrten von Gabelstaplern reduzieren lassen. Im Austausch mit dem Standort zeigte sich jedoch ein dringenderer Bedarf: Unterstützung bei kurzfristigen Änderungen im Tagesgeschäft. Daraus entstand der „Warehouse Assistant“, der Informationen auswertet und Anpassungen vorschlägt.
Einen besonders anschaulichen Vergleich zog Markus Frank: „Wir gehen mit KPIs um, wie mit einer Fußballmannschaft“, sagte das Vorstandsmitglied des Teamsportbekleidungsherstellers aus dem hohenlohischen Mulfingen. Die Abwehr bestehe aus Bestandsdaten, das Mittelfeld aus Daten zu strategisch relevanten Produkten und der Sturm aus vertriebsrelevanten Daten. Auf der Ersatzbank säßen die „unsinnigen“ Daten. Welche Daten zusammenspielen, entscheide der Trainer: „Jede Führungskraft ist bei uns Trainer“, erklärte Frank.
Damit verbunden ist auch Verantwortung für die Datengrundlage. „Führungskräfte müssen oft an die Hand genommen werden. Man muss ihnen sagen: Datenqualität, das ist eure Sache“, betonte Pohlink. Hutzschenreuter warnte zugleich davor, scheinbar unbrauchbare Daten vorschnell auszusortieren: „In einer unsicheren, multipolaren Welt ist es sehr schwierig, im Vorhinein zu wissen, welche Daten relevant sind.“ Als Beispiel für geopolitische Unsicherheit nannte Hutzschenreuter einen möglichen chinesischen Angriff auf Taiwan.
KI einsetzen und Fachkräfte weiterbilden
Welche Rolle kann KI dabei spielen, Unsicherheit zu verringern und Unternehmen ins Handeln zu bringen? Und welche Risiken birgt es, Entscheidungen aufzuschieben? Fratzscher nannte die deutsche Automobilbranche und den finnischen Technologiekonzern Nokia als mahnende Beispiele. Beide seien lange Zeit zu erfolgreich gewesen, um sich über notwendige Weichenstellungen für die Zukunft Gedanken zu machen, und seien dann von den aktuellen Entwicklungen überholt worden. „Abwarten ist gar keine Option“, stimmte Pohlink zu. Für sie gelte es, alle Mitarbeitenden im Umgang mit KI zu schulen, Anwendungen mit hohem Nutzen zu identifizieren und mit Innovationen auf die Bedürfnisse der Kunden einzugehen.
Um die technologische Transformation zu meistern, braucht es also neue Kompetenzen. Und vor allem qualifizierte Fachkräfte, von denen es zu wenige gibt, wie Fratzscher betonte. Stetige Weiterbildung über das gesamte Berufsleben sei daher notwendig. Wie es JAKO gelingt, im Wettbewerb um Fachkräfte zu punkten, verdeutlichte Frank: „Wir setzen einen Gegenpol mit Empathie.“ Persönlicher Kontakt und ein angenehmes Arbeitsumfeld hätten in der Unternehmenskultur einen hohen Stellenwert.
Menschliche Verantwortung im Umgang mit KI
Vielleicht werden gerade diese menschlichen Qualitäten angesichts der rasant voranschreitenden KI-Revolution immer wichtiger: „Wir sind mit dem Thema völlig am Anfang und unterschätzen, welche Entwicklungen es in Zukunft geben könnte – gerade im Zusammenspiel mit anderen Technologien wie Quantum Computing“, sagte Hutzschenreuter. Viele Aufgaben, die heute noch wie selbstverständlich von Menschen erledigt werden, könnte künftig vollständig die KI übernehmen.
Naheliegend war die Frage eines Zuschauers, ob man sich nicht langsam vom „Human in the Loop“-Gedanken verabschieden müsse. Hier aber waren sich die Panelgäste einig: Trotz der rasanten technologischen Fortschritte bleibt die Verantwortung auch künftig beim Menschen. „KI ist ein Instrument, das von Menschen ein- und ausgeschaltet werden kann und keine eigenständige Funktion hat“, sagte Hutzschenreuter. Fratzscher hob hervor, dass KI trotz ihres Potenzials zur Automatisierung vieler Tätigkeiten auch neue Freiräume eröffne: „Sie gibt uns die Chance, uns darauf zu konzentrieren, was uns als Menschen ausmacht: Empathie und Kreativität.“
Gastgeber Prof. Ali Sunyaev, Vizepräsident TUM Campus Heilbronn, griff die Rolle menschlicher Urteilskraft in seinem Schlusswort auf: „Bleiben Sie Mensch“, wandte er sich ans Publikum. Zugleich betonte er die Bedeutung hochwertiger Daten und konkreter Anwendungsbeispiele: „Technologien kommen und gehen. Am Ende kommt es immer auf die Daten an. Wir brauchen eine große Menge hochqualitativer Daten. Der volkswirtschaftliche Nutzen einer neuen Technologie zeigt sich oft erst Dekaden später. Daher brauchen wir Erfolgsbeispiele, um zu sehen, was alles möglich ist.“
Der nächste TUM TALK findet am 27. Oktober 2027 am TUM Campus Heilbronn statt.